Generalvikar Pfeffer: Kirchengeschichte im Zweiten Weltkrieg ehrlich aufarbeiten

Zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen veröffentlicht das Bistum Essen einen Brief des verstorbenen Essener Theologie-Professors Heinrich Missalla an die deutschen Bischöfe, in dem er bewegend daran erinnert, dass die allermeisten deutschen Bischöfe zum Kriegsbeginn die Nazi-Propaganda gestützt haben.

Der 92-jährige Theologie-Professor Heinrich Missalla schrieb kurz vor seinem Tod im vergangenen Herbst an die Deutsche Bischofskonferenz.

Unter der Überschrift „Bischöfe, haben Sie endlich den Mut zur Wahrheit“ zeigt Missalla auf, dass die meisten Bischöfe die Kriegspropaganda nicht nur übernommen, sondern zum Teil pseudoreligiös überhöht haben.

Pfeffer teilt die Auffassung Missallas, dass es heute niemandem zustehe, die Menschen von damals moralisch zu verurteilen. Aber der ehrliche Blick auf die Geschichte mahne, „wozu Menschen fähig sind und welche furchtbaren Entwicklungen deshalb möglich sein können“.

Zum 80. Jahrestag des deutschen Angriffs auf Polen hat sich Klaus Pfeffer, Generalvikar des Bistums Essen, für eine vertiefte historische Aufarbeitung des Verhaltens der deutschen katholischen Kirche im Zweiten Weltkrieg ausgesprochen. Pfeffer macht sich die Position des im vergangenen Herbst verstorbenen Essener Theologie-Professors Heinrich Missalla zu eigen, der noch kurz vor seinem Tod in einem letzten Brief an die Deutsche Bischofskonferenz eine solche Aufarbeitung gefordert hatte. „Missalla wirbt zurecht für eine umfassende Untersuchung zum Verhalten der deutschen katholischen Kirche im Zweiten Weltkrieg und bittet die heutigen Bischöfe um ,den Mut zur Ehrlichkeit und zum Aussprechen der Wahrheit‘“, zitiert der Verwaltungschef des erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Bistums Essen aus dem Brief, den das Bistum auf Anregung von Freunden des verstorbenen Professors zum Jahrestag des Kriegsbeginns veröffentlicht.

Missalla: „Beschämende Rolle der katholischen Kirche im Krieg“

Missalla spricht in seinem Schreiben von einer „beschämenden Rolle der katholischen Kirche im Krieg“, die die Kirche an den vergangenen Gedenktagen zum Kriegsanfang „mit keinem Wort erwähnt“ habe. „Nach nunmehr 80 Jahren ist es hoch an der Zeit, auch zur Unterstützung des Hitler-Kriegs durch unsere damalige Kirchenleitung Stellung zu nehmen“, schreibt Missalla vor rund einem Jahr mit Blick auf das Gedenken am kommenden Sonntag. Der damals 92-Jährige hatte sich als Wissenschaftler Zeit seines Lebens mit der Rolle der Kirche im Ersten Weltkrieg, in den 1930er Jahren, vor allem aber im Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Mit zahlreichen Zitaten untermauert er in dem Schreiben seine Position, dass die allermeisten deutschen Bischöfe die kriegstreiberische Rhetorik des Nazi-Regimes mitgetragen haben. „Sie hätten zum Krieg ebenso schweigen können wie der Berliner Bischof von Preysing oder wie sie zum Schicksal der Juden geschwiegen haben. Doch gemäß einer langen Tradition folgten sie den Weisungen der staatlichen Obrigkeit und übernahmen nicht nur deren Kriegspropaganda, sondern überhöhten sie z.T. auch pseudoreligiös“, so Missalla. Unter anderem zitiert er den – später für seine Proteste gegen die Nazis gerühmten – Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, der am 1. September 1939 „die offizielle Version vom Angriff der feindlichen Mächte auf das friedliebende Deutschland übernahm; unsere Soldaten erkämpften ,einen Frieden der Freiheit und Gerechtigkeit für unser Volk‘“. Im Sommer 1941, vier Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion „wussten und lehrten die deutschen Bischöfe, dass die Soldaten mit ihrer Pflichterfüllung ,nicht nur dem Vaterland dient(en)‘, sondern sie wagten sogar zu behaupten, dass sie damit ,auch dem heiligen Willen Gottes folgt(en)‘“, so Missalla.

Pfeffer: „Es braucht Christen, die solchen Verführern widerstehen“

„Nüchtern müssen wir feststellen, dass die heute oft beschworene ,christliche Prägung‘ unseres Landes den Verbrechen jener Jahre so gut wie nichts entgegenzusetzen hatte“, betont Generalvikar Pfeffer nach der Lektüre des Briefes von Heinrich Missalla. Pfeffer betont, dass es den Menschen von heute nicht zustehe, Persönlichkeiten der Vergangenheit moralisch zu verurteilen. „Wir kennen nicht wirklich die Umstände, Hintergründe und Bedingungen ihres damaligen Verhaltens - und wissen auch nicht, wie wir selbst uns damals verhalten hätten.“ Der ehrliche Blick auf die Geschichte mahne jedoch eindringlich, „wozu Menschen fähig sind und welche furchtbaren Entwicklungen deshalb möglich sein können“. Pfeffer hebt hervor: „Gerade in einer Zeit, in der Populisten mit einfachen Wahrheiten immer mehr Zulauf finden und zugleich Nationen, Religionen, Kulturen und Rassen gegeneinander ausspielen, braucht es Christinnen und Christen, die solchen Verführern widerstehen und die entschieden für die Würde eines jeden Menschen und für ein gerechtes und friedvolles Miteinander in unserem Land, in Europa und weltweit eintreten“.

Der Brief Heinrich Missallas an die deutschen Bischöfe

Zur Person: Heinrich Missalla:

Der 1926 in Wanne-Eickel geborene Heinrich Missalla kam 1943 als Luftwaffenhelfer nach Bochum, bevor er 1944 zur Wehrmacht eingezogen wurde und ein Jahr später in Kriegsgefangenschaft geriet. Im sogenannten „Stacheldrahtseminar“ im französischen Chartres entschloss er sich, Priester zu werden. 1953 wurde der katholische Theologe und spätere Mitbegründer der „Initiative Kirche von unten“ zum Priester geweiht, war anschließend in der Seelsorge und als Religionslehrer tätig und von 1971 bis 1991 Professor für Katholische Theologie und ihre Didaktik an der Universität in Essen. 1996 heiratete Missalla die Kirchenhistorikerin Magdalene Bussmann. Daraufhin wurde ihm die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. Seit Mitte der 1950er Jahre gehörte Missalla der katholischen Friedensbewegung Pax Christi an und war viele Jahre Mitglied des Vorstands. Außerdem war er Mitbegründer des Bensberger Kreises und der Zeitung „Publik-Forum“, deren langjähriger Herausgeber der Theologe auch war. Am 3. Oktober 2018 starb Missalla im Alter von 92 Jahren.

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